Die Geschichte der Traurigkeit, Teil 1
Ich lasse die ganze Gefühlkotze aus mir raus und verbanne sie in die dunkelste Ecke. Hoffe darauf, ihr nie wieder zu begegnen. Dem, was in mir vorging. Das, was in mir wachsen wollte. Die Liebe zu dir. Oder das, was sich so anfühlte, als würde es mich von innen heraus verschlingen. Wir waren dabei, uns zu verlieben. Waren dabei, uns aneinander zu verlieren. Doch nun steht das Haus leer, die Wände sind kahl und mein Herz ist befreit. Ich konnte nicht länger zwischen deinen Gedanken sitzen und vergeblich in den verstaubten Kisten nach meinen Erinnerungen suchen. Ich war ein Teil vom Großen und Ganzen. Ein kleiner Teil in deiner Welt. Zu klein, zu schwach, zu ängstlich. Ich war einfach nicht genug, ich war zu wenig für dich.
Schließlich hingen wir die Fotos ab, zerrissen und verbrannten uns. Ich biss mir jedes Mal auf die Lippe, wenn du die heile Welt beteuertest. Du sahst meine Traurigkeit nicht. Du verstandst nicht, warum ich die Vergangenheit als dichten Schleier über mein Bett hing. Du hörtest nicht, dass sich hinter jedem meiner Worte noch drei andere verbargen. Du wusstest nicht, dass ich die Bücher nicht nur las, sondern mich an den Geschichten festklammerte.
Die Zeit verstrich und mit ihr ging die Hoffnung, die Freude und der Wille, etwas zu fühlen. Das Leben. Mein Leben, dein Lebensabschnitt. Ich fand die Traurigkeit zwischen ausrangierten Pullovern und alten Passbildern wieder. Wir kamen gut mit einander aus, ich und die Traurigkeit. Du warst währenddessen auf der Suche nach Neuem. Du wolltest etwas entdecken, du wolltest etwas erfinden. Du sahst viel. Aber nichts in mir, nichts mehr in uns. Wir wohnten zusammen, aber lebten getrennt. Wir dachten ans Reisen, aber blieben daheim.
Dann gaben wir auf. Du hattest mich an die Traurigkeit verloren und ich dich an sie. Sie. Sie war größer, stärker und hatte keine Furcht. Du sagtest, das würdest du an ihr schätzen. Wir bedankten uns fürs Zuhören, dabei hatten wir nie etwas gesagt. Wir nahmen Abschied. Du von mir und ich vom Leben.